Das Projekt

Des Pudels Kern...

Von der ersten Idee im Jahre 2022 bis zum Erscheinen dieses Buches als Startschuss für unser Projekt "Die Legenden des Schachs" sind vier Jahre vergangen. Wir – Artur Jussupow und Carsten Hensel – blicken zurück auf eine großartige Reise, die von Erin­nerungen, neuen Entdeckungen, aber auch dem gemeinsamen Ringen um Einordnung der relevan­ten Ereignisse und Personen geprägt war. Umfangreiche Recherchen sowie hunderte von Redakti­onsgesprächen liegen hinter uns.

Seit Anfang der 1990er Jahre verbindet uns eine Vertrautheit, die weit über gemeinsame Aktivitäten im Beruf hinausgeht. Auf der Ebene des Profischachs sind wir uns regelmäßig begegnet: sei es im Zusammenhang mit unseren unterschiedlichen Rollen bei Topveranstaltungen oder aus Anlass unse­rer Engagements für Elitespieler, darunter Viswanathan Anand, Vincent Keymer, Wladimir Kram­nik und Péter Lékó.

Selbstverständlich gibt es in der Literatur eine gewaltige Anzahl von Publikationen, die sich mit der Schachgeschichte im Allgemeinen oder mit den spezifischen Lebensgeschichten ihrer größten Stars befassen. Dennoch hatten wir große Lust, die wichtigsten Protagonisten noch einmal zu betrachten. In einem einzigen Band portraitieren wir die aus unserer Sicht bedeutendsten 64 Schachlegenden. Diese bringen wir in einen Vergleich zueinander, dem sogenannten „Legend Score“. Anhand der chronologischen Anordnung der Einzelportraits verknüpfen wir die Personen mit den wichtigsten Ereignissen unseres Sports und berücksichtigen hin und wieder zeitgeschichtliche Kontexte. In die­ser komprimierten Form hat es das so noch nicht gegeben.

„Die Legenden des Schachs“ haben etwas mitzuteilen. Sie regen uns dazu an, das „Spiel der Spiele“ auf dem tiefen Verständnis seiner bedeutenden Kulturgeschichte zu praktizieren. Aus einem Wust an Daten, Zahlen und Fakten versuchten wir uns der Essenz einer Biografie zu nähern und frei nach dem passionierten Schachspieler Johann Wolfgang Goethe den jeweiligen „Kern des Pudels“ freizu­legen. Wir gehen dabei eingefahrenen Klischees auf den Grund, ordnen ein, bewerten, kommentie­ren und bemühen uns, den Wust an komplexer Information verständlich zu kommunizieren.

 

Die Dramen der Schachgenies

 

Natürlich berichten wir zu den wichtigsten Karrieredaten, versuchen dabei jedoch die Dramen rund um die Schachgenies besser zu verstehen, jene in relevante Kontexte zu bringen und Fragen zu beantworten: Warum agierte jemand so und nicht anders, welchen Einfluss hatten gewisse Ereignis­se oder das jeweilige Umfeld auf eine Karriere? Und warum wurde der eine Spieler Weltmeister und der andere nicht? Sie erfahren viel über Talent, Charakter, Spielstil, die innige Liebe unserer Legen­den zum Schach, und wie diese Faktoren miteinander interagieren.     

Unsere Expertise zur Umsetzung eines solch anspruchsvollen und umfangreichen Projekts ent­springt den eigenen Biografien und unseren Erfahrungen in der professionellen Schachwelt. Die von uns ausgewählten 64 Legenden – acht Frauen und 56 Männer – sind mit dieser Welt untrennbar verbunden, über Generationen hinweg. Sämtliche klassische Schachweltmeister und ihre Herausfor­derer sind enthalten sowie einige Spieler, die aus unserer Sicht zwingend in diese Auswahl gehören. Sie alle lieferten einen bedeutenden Beitrag zum großen Ganzen.

Die internationale Schachwelt umfasst heutzutage rund eine Milliarde Menschen, die mit dem „Kö­niglichen Spiel“ in Berührung kommen und bis zu 500 Millionen Aktive, die entweder unter dem Dach eines Verbandes, im Internet oder irgendwo sonst in ihrer Freizeit Schach spielen. In mehr als 200 Ländern, also überall auf dem Globus, wird Schach praktiziert und gehört damit zu den größ­ten Freizeitbetätigungen überhaupt.

Die alten Araber im 9. und 10. Jahrhundert, wie etwa der erste bekannte Schachmeister am Hofe des Kalifen von Bagdad, Al-Adli, werden nicht portraitiert. Das gilt auch für die Meister des 16. und 17. Jahrhunderts wie Ruy López de Segura oder Gioachino Greco, deren Spielstärke sich im Vergleich zu den Arabern nicht wesentlich verbessert hatte. Unser Bogen reicht von François-André Philidor, der 1726 – also vor genau 300 Jahren – geboren wurde, bis hin zu Dommaraju Gukesh, dem 18. Schachweltmeister.

 

Die Liebe zum Schach

 

Sämtliche im Buch portraitierten Spielerinnen und Spieler teilen eine Gemeinsamkeit: ihre enorme Liebe zum Schach! Ohne diese Leidenschaft, ja manches Mal Besessenheit, wären die von ihnen ge­zeigten Höchstleistungen in Theorie und Praxis kaum denkbar. Als Autoren teilen und verstehen wir diese Liebe, ansonsten hätten wir selbst niemals die nötige Hingabe aufbringen können, dieses Pro­jekt zu vollenden. Als erster, gleichsam wichtigster Schritt auf dem Weg zu weiteren Aktivitäten wie etwa dem YouTube-Kanal „Legends-of-Chess“ oder der gleichnamigen Webseite, liegt nun dieses Buch vor.

Einige berühmte Spielerinnen und Spieler des 20. Jahrhunderts haben wir aus unterschiedlichen Gründen nicht berücksichtigt. Zu ihnen zählen etwa Alexander McDonnell, Louis Paulsen, Richard Réti, Salo Flohr, Svetozar Gligorić, Mark Taimanow, Lew Polugajewski, Peter Swidler, Alexander Grischtschuk, Alexander Morosewitsch, Lewon Aronjan oder auch die Knockout-Champions der FIDE: Alexander Chalifman, Ruslan Ponomarjow und Rustam Kasimjanov. Sie alle haben sicher wichtige Marksteine gesetzt, es jedoch nicht in unsere Auswahl der 64 größten Schachlegenden ge­schafft.

Die historischen Fakten zu den ausgewählten Stars recherchierten wir aus deutschen, englischen, amerikanischen, russischen, spanischsprachigen und französischen Quellen. Literatur, Periodika, das Internet, Pressearchive und Universitätsbibliotheken sowie unsere eigenen Begegnungen und Erleb­nisse bildeten die Arbeitsgrundlage. Neben unserem Erfahrungsschatz nutzten wir Sekundär-, manchmal auch Primärquellen und bei widersprüchlichen Sachverhalten mindestens zwei unabhän­gige Belege. Dennoch ist unsere Herangehensweise nicht wissenschaftlich-akademisch. Vielmehr präsentieren wir Ihnen ein populärhistorisches Werk, das die weitreichende Geschichte des Pro­fischachs nachzeichnet und dessen große Linien beleuchtet.

Um den Lesefluss nicht unzumutbar zu beeinträchtigen haben wir dem Text keine Quellenangaben zugeordnet. Diese sind im Quellenverzeichnis gesammelt aufgeführt, manchmal jedoch in der jewei­ligen Textpassage genannt, wenn uns dies geboten erschien. Wir empfehlen das Studium des Quel­lenverzeichnisses, denn dort finden sich Hinweise auf weitergehende Literatur. Falls der ein oder an­dere Leser noch tiefer in einzelne Biografien eintauchen möchte, wird er hier fündig.

Hinsichtlich des weiteren Vorgehens folgten wir einem Grundgerüst. Artur konzentrierte sich auf die Partieauswahl, die schachliche Analyse sowie die Beurteilung von Spielstil und Spielstärke nach zuvor festgelegten Kriterien. Carsten bearbeitete vornehmlich biografische Informationen im Kon­text mit dem jeweiligen Zeitgeschehen, wandte sich der Persönlichkeit zu, deren Selbstorganisation

und ihrem Leistungspaket als Wettkämpfer.

Danach haben wir die Köpfe zusammengesteckt, Einschätzungen und Bewertungen vorgenommen. Das spezifische Wirken eines jeden Spielers, seine Fähigkeiten und Alleinstellungsmerkmale standen dabei für uns im redaktionellen Zentrum. Unsere persönlichen Eindrücke von der jeweiligen Legen­de flossen ein, sofern wir den Menschen kannten. Die größten Erfolge, der Spielstil, die Lebensge­schichte, das Umfeld der Person und diverse Statistiken spielten immer eine Rolle. Wir sind bei der Portraitierung jedoch nicht nach einem starren Muster vorgegangen, sondern haben der Charakte­ristik des Einzelfalls freien Lauf gelassen. Zu jeder Legende führten wir zwei oder drei Redaktions­gespräche und im Schnitt dauerte die Bearbeitung eines Kapitels bis zu drei Wochen.

 

Der Legend Score und der GOAT

 

Ganz zum Schluss eines Portraits mündeten all unsere Informationen und Einschätzungen in einen „Legends Score“, der auf unterschiedlichen Kriterien basiert. Wir definieren mit diesem Instrument den aus unserer Sicht „Greatest of All Time (GOAT)“ und erstellen eine komplette Rangliste aller 64 Legenden, die sie im Chronikteil am Ende dieses Buchs finden. Wir stehen zu unserer Bewer­tung, die selbstverständlich auch anders gesehen werden kann. Unseren „Legend Score“ betrachten wir als eine „fundierte Spielerei“, die zur Diskussion anregen und dazu beitragen soll, die Erinne­rung an die großen Schachlegenden wachzuhalten.

Während des Prozesses haben wir bestätigt gefunden, was wir immer schon ahnten: Die reine Spiel­stärke hat zwar mit ihrer hohen Gewichtung einen beträchtlichen Einfluss auf das Gesamtergebnis, aber sie ist nur ein wichtiger Faktor, den Kampf auf allerhöchstem Niveau erfolgreich zu führen. Die Spielstärke ist wie das Fundament eines Hauses. Sie ist die Grundvoraussetzung, damit das Schachgebäude steht. In erster Linie entspringt sie dem Wissen innerhalb einer Spielergeneration, welches sich jede Frau und jeder Mann durch viel Bereitschaft, Leidenschaft und Fleiß aneignen kann.

Aber wenn alle Spielerinnen und Spieler innerhalb einer Generation Zugang zum gleichen Wissen haben und dies nutzen, müsste die pure Spielstärke tendenziell mehr für eine Angleichung als für den Leistungsunterschied sorgen. Es gibt also noch andere Faktoren außerhalb reiner Spielstärke, die zum Erfolg oder Misserfolg während einer Karriere beitragen. Um nur ein paar zu nennen: Ta­lent, Wettkampfhärte, kognitive Fähigkeiten inklusive aller psychologischen Aspekte und Charakter­eigenschaften oder die Fähigkeit zum Teambuilding. Diese Kriterien machten in den Kämpfen oft­mals den kleinen, aber entscheidenden Unterschied aus.

Und zu einer Schachkarriere, also dem Gesamteindruck einer Spielerin oder eines Spielers gehören nach unserer Meinung auch deren Beiträge zur Entwicklung von Schachideen, die Übernahme von Verantwortung für den Schachsport und dessen Popularisierung. Früher geborene Spieler erhielten wegen des Handicaps eines geringeren Wissens einen Punktebonus (0,5 Punkte pro früher gebore­nem Jahr) zum Ausgleich. Diesen Wert haben wir nach einiger Zeit als „Goldenen Schnitt“ empfun­den.

Alles zusammen definiert unsere Sicht auf die Rangfolge der größten Schachlegenden aller Zeiten. Die Wertungen haben wir nach bestem Wissen und Gewissen vorgenommen und waren bemüht, Sympathien und Antipathien zu ignorieren. Dennoch unterliegen die vorliegenden Resultate immer auch unserer Subjektivität. Wir unternahmen immerhin den ernsthaften Versuch, uns der Wahrheit

anzunähern.

 

Ein ausbrechender Fluss

 

In der Musik verständigt sich nahezu die gesamte Szene auf die „perfekte Harmonie“, die Johann Sebastian Bach kreierte. Sie gilt als Ausgangspunkt, als Aufbruch in die Moderne. Auf der zeitlos ge­bliebenen Folie dieses Genies entwickelten sich bis in die Gegenwart die unterschiedlichsten Musik­richtungen. Beim Schach fällt es nicht leicht, eine solche Person zu benennen; wenn überhaupt, dann wäre es Philidor. Aber anders als in der Musik ist in unserem Sport, was heute noch gilt, viel­leicht schon morgen nicht mehr aktuell.

Wie in der Wissenschaft gibt es beim Schach die beständige Wahrheit also nicht. Unsere Geschichte entspricht daher mehr einem Fluss, der an Hindernissen immer wieder ausbricht und seinen Lauf verändert. Diese Veränderungen resultieren aus neuen Informationen und Erkenntnissen. Sie erzeu­gen Disruptionen und zwingen uns in andere Richtungen.

Das Spiel wird dadurch immer wieder auf ein höheres Niveau gehoben. Aber der Blick zurück und das Studium der alten Meister ist unbedingt zu empfehlen. Die moderne Analyse mit Rechnern, Software und „Künstlicher Intelligenz“ mag zwar auf einfache Weise Teillösungen produzieren, för­dert aber in der Praxis nicht immer das tiefe Verstehen. Im Wettkampf, ohne jede technische Hilfe, ist jedoch genau dieses tiefe Schachverständnis die wichtigste Fähigkeit überhaupt.   

Wir sind allen Spielerinnen und Spielern, den Schachhistorikern, Wissenschaftlern, Autoren, Journa­listen und Liebhabern tief verbunden, die an geschichtlichen Themen gearbeitet hatten. Ohne ihre Vorarbeit über die Jahrhunderte wäre unser Projekt in dieser Form niemals zu realisieren gewesen. Bezüglich des Erzählstils verlassen wir manchmal den Plural, in der Regel immer dann, wenn Arturs schachspezifische Expertise besonders betont wird oder damit uns persönliche Erlebnisse zugeord­net werden können.

Liebe Schachfreunde, möge Sie unser Projekt als Anfänger dazu animieren, sich dem Spiel zu wid­men. Den Fortgeschrittenen wünschen wir einen Mehrwert bei den noch nicht gewonnenen Er­kenntnissen. Falls Sie noch etwas tiefer in das ein oder andere Spezialthema eintauchen möchten besuchen Sie unseren YouTube-Kanal, der Ihnen auch den Austausch mit interessierten Schachliebhabern zu historischen Themen ermöglicht. Nun aber wünschen wir Ihnen viele vergnügliche und lehrreiche Stunden bei der Lektüre und Analyse der „Legenden des Schachs“!

 

Artur Jussupow und Carsten Hensel

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