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Leseprobe

Wassyl Iwantschuk (1969) 

"Ich entdecke immer etwas Neues!"

Wassyl Mychajlowytsch Iwantschuk bedient das gängige Klischee eines Schachgenies, dessen Spielstärke ihn zwingend bis zum klassischen WM-Titel hätte führen müssen. Kein Wunder, dass Garri Kasparow ihn zu Beginn der 1990er Jahre als seinen Kronprinzen identifizierte. Je­doch stand ein schwaches Nervenkostüm dem Ukrainer im Weg, um die hohen Erwartungen vollständig zu erfüllen.

Nach Turniersiegen, unter anderem in New York (1988), Jerewan, Biel (beide 1989), Tilburg (1990) und vor allem im andalusischen Linares (1989 und 1991) gab es gegen die Prognose Kasparows zunächst wenig Argumente. Viswanathan Anand schien zu jener Zeit nicht unbe­dingt in der Lage, an Garris Thron zu rütteln, und Wladimir Kramnik hatte die internationale Bühne noch gar nicht betreten.

Die Schwächen eines Kronprinzen

Wenn wir jedoch Iwantschuks Bilanz gegen die Weltmeister seiner Zeit unter die Lupe nehmen, erscheinen uns aus heutiger Sicht die damals verbreiteten Vorschusslorbeeren ein wenig über­trieben. Bei aller Sympathie für den volkstümlichen Ukrainer, der in jeder Partie um sein Leben spielt: seine negative Bilanz (+20, -46, =132) bei einer bescheidenen Erfolgsquote von 43,4 % im klassischen Schach gegen Karpow (+1, -2, =18), Kasparow (+4, -11, =22), Kramnik (+6, -10, =31), Anand (+6, -13, =45) und Carlsen (+3, -10, =16) spricht eine deutliche Sprache.

Mit Nervenschwäche allein ist die – gemessen an seinem Genie – enttäuschende Ausbeute nicht zu erklären. Darüber hinaus gibt es deutliche Hinweise darauf, dass das Gesamtpaket des Wett­kämpfers Iwantschuk weitere Defizite im Vergleich zu den Allergrößten im Profischach auf­weist. Dass Chucky, wie er von seinen Anhängern liebevoll gerufen wird, am weltmeisterlichen Niveau scheiterte, liegt also nicht nur an mangelnder Nervenstärke, sondern ebenso an man­gelnden Eigenschaften, die im Kreise der ganz großen Champions selbstverständlich sind.

Dazu gehören neben der mentalen Stabilität unter anderem der gezielte Aufbau der eigenen Höchstleistung zum Höhepunkt hin. Die Planung einer komplexen schachlichen, physischen und psychischen Vorbereitung ist ebenso zentral wie die Komposition eines schlagkräftigen Teams. Immer wichtiger wird die Organisation vieler nichtschachlicher Angelegenheiten wie das Vertragsmanagement, die eigene Kommunikation sowie der Umgang mit Veranstaltern, Sponsoren und Medien. Das strategische Denken außerhalb des Brettes unter rigoroser Einbe­ziehung aller Stärken und Schwächen der Konkurrenz und seiner selbst ist ein weiteres wichti­ges Tool.

Iwantschuk war und ist in diesen Bereichen chaotisch aufgestellt oder nur unzureichend fähig, sich entsprechend zu organisieren. Dagegen unterliegt er der Leidenschaft, ja dem Zwang, spie­len zu müssen. Wenn er keinem Gegner gegenübersitzt, analysiert er in jeder wachen Minute, womöglich sogar noch in seinen Träumen. Bei allem Wohlwollen entspricht dieser Ansatz kaum der nötigen Professionalität, um das höchste Ziel zu erreichen.

Chaos bei voller Authentizität

Aber das tut Iwantschuks Popularität keinen Abbruch. Im Gegenteil: Ähnlich wie die im Jahre 2025 verstorbene Rocklegende Ozzy Osbourne enthüllt uns Chucky seine Schwächen und zeigt sein persönliches Chaos bei voller Authentizität. Und genau das machte ihn zu einem der be­liebtesten Spieler in der Geschichte. Dieser Großmeister offenbart uns seine geistigen und kör­perlichen Anstrengungen. Wenn er spielt, sehen wir das Zittern seiner Hände, die Qualen in sei­nem Gesicht, seine Verzweiflung, den Schmerz und seine Freude. Wenn er nach Niederlagen mit dem Kopf vor die Wand schlägt oder seine Seelennot in die Welt schreit, liegt seine Ge­fühlswelt vor uns wie ein offenes Buch.

Aufmerksamkeit will er damit nicht erheischen und dennoch lieben wir allesamt genau das an ihm. Aber was wäre bloß geschehen, wenn Iwantschuk in bestimmten Situationen pragmati­scher gehandelt und seine Nerven im Griff behalten hätte? Natürlich wäre das nicht mehr un­ser aller „Chucky“, und es ist gut so, wie es ist.

Denn seine extreme Hingabe zum Spiel erleben wir mit einer Intensität wie bei niemandem sonst. Seine Entrücktheit auf dem „Planeten Iwantschuk“, seine Tagträumereien, seine Schus­seligkeit, seine Nervosität und seine emotionalen Ausbrüche bis hin zu Weinkrämpfen sind zwar ein unüberwindliches Hindernis auf dem Weg zur Krone, aber gleichzeitig ein großes Ge­schenk für uns alle.

Wenn sich Wassyl in dieser Welt befindet, ist alles um ihn herum kaum noch wahrnehmbar. Da kann es schon einmal passieren, dass er sich unter einer Zuschauertribüne verirrt und nach ein­stündiger Suche dort orientierungslos sinnierend, aber durstig entdeckt wird. Oder er gerät beim Anziehen seines Pullovers nach der Partie vor ausverkauftem Spielsaal in einen Ärmel.

Er versucht verzweifelt diesen Schlauch über den viel zu großen Kopf zu ziehen. Der Ärmel wird zum Rüssel, engt ihn mehr und mehr ein, nimmt ihm Sicht und Luft. Chucky rennt vor den Spieltisch der Nachbarpartie und kann sich ohne Hilfe nicht mehr befreien. Und er macht auf seinem Planeten auch nicht davor halt, sich in den Kindersitz eines Fahrzeugs zu setzen, wenn seine Gedanken einzig und allein um die Einschätzung bestimmter Stellungen und ihrer Fortsetzungen kreisen.     

Obwohl ihm auch wegen dieser Entrücktheit der höchste Titel versagt blieb, konnte Iwantschuk große Erfolge feiern. 2002 stand er im Finale der FIDE-WM, verlor jedoch gegen seinen Landsmann Ruslan Ponomarjow. 2004 wurde er Europameister, 2007 Weltmeister im Blitz­schach und 2016 gewann er die Schnellschach-WM. Der Ukrainer ist unter anderem vierfacher Olympiasieger im Team und siegte bei vielen renommierten Großmeisterturnieren, unter ande­rem vier Mal in Linares. Sein außergewöhnliches Potential ist unstrittig und begründet seinen Ruf als Genie.  

Wassyl Mychajlowytsch brauchte nicht klassischer Schachweltmeister zu werden, um auf seine ganz eigene Weise zur Legende zu reifen. Sein unklarer Spielstil, wie könnte es anders sein, ist ein Ausdruck seiner Persönlichkeit. Da er sich nahezu ausschließlich mit Schach beschäftigt, be­ruht sein Spielverständnis auf einer umfassenden Eröffnungsvorbereitung, gepaart mit starker Rechenfähigkeit. Seine Limits reichen diesbezüglich weit hinter den Horizont eines gewöhnli­chen Großmeisters.

Leider mangelt es ihm auch hier an einer gewissen Stabilität, was zu vermeidbaren Fehlern führt. Seine heftigen Reaktionen auf Niederlagen verstärken diese Schwäche noch einmal dra­matisch. Ein gewisser Autismus könnte dabei eine Rolle spielen, jedoch gehen von Chucky auf der soliden Basis von Vorbereitung und Kalkulation durchaus tiefe Ideen und Konzepte aus.

Iwantschuk ist schöpferisch, sein Spiel ist oftmals dynamisch, manchmal sogar disruptiv, in je­dem Fall jedoch voller Intensität. Damit erzeugt er, ähnlich wie Aljechin, eine extreme Span­nung. Und Chucky ist in seinen Handlungen nicht vorhersehbar. Er kann so gut wie sämtliche Eröffnungssysteme anwenden, weil er sich in allen Stellungsmustern zu Hause fühlt. 

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